News 24. 11. 2004

Waris Dirie: Verstümmelung ist keine Tradition, sondern ein Verbrechen

Morgen, Donnerstag wird Waris Dirie, Ex-Model aus Somalia und UN-Sonderbotschafterin, mit dem "Romero-Preis" der Katholischen Männerbewegung ausgezeichnet. In einem Interview für die westösterreichischen Kirchenzeitungen schätzt Dirie die Zahl der von Genitalverstümmelung betroffenen Frauen in Österreich auf 8000.

In dem Interview kritisiert die aus Somalia stammende Dirie, dass betroffene Frauen in Österreich auf völliges Unverständnis bei Ärzten und Behörden stoßen würden. Auch in Österreich würden Genitalverstümmelungen durchgeführt, betont Dirie. Eine Studie der afrikanischen Frauenorganisation hätte ergeben, "dass ein Drittel der afrikanischen Familien ihre hier geborenen Töchter beschneiden lässt". 88 Prozent dieser Familien würden die Verstümmelung in Afrika durchführen lassen, der Rest in Europa, vor allem in Deutschland und den Niederlanden, aber auch in Österreich. Es gebe zwar in Österreich ein Gesetz, das Genitalverstümmelungen verbietet, aber es gebe noch keinen gerichtsanhängigen Fall. Insofern wisse man auch nicht, ob der Rechtsschutz ausreicht. Was auf jeden Fall fehlt, sei Präventionsarbeit: "Denn was nützt ein Gesetz, wenn sich niemand daran hält".

Unklare Rechtslage

Während in Österreich diese Präventionsarbeit fehle, gebe es in anderen Ländern wie etwa in Frankreich ein ausgeklügeltes System, erklärte die UN-Sonderbotschafterin. In Frankreich wären Sozialarbeiter, Lehrer, Ärzte, Krankenschwestern informiert und wüssten, worauf sie achten müssen. Waris Dirie: "Wenn eine Familie mit ihrer Tochter im kritischen Alter nach Afrika fährt, sprechen sie mit den Eltern, klären sie über die gesetzlichen Folgen auf, und geben ihnen offizielle Briefe mit. Darin wird den Verwandten erklärt, dass die Eltern ins Gefängnis müssen, wenn jemand dem Kind etwas antut". Das alles fehle in Österreich. Selbst wenn jemand Verdacht schöpft, wisse er nicht, an wen er sich wenden soll. Es sei nicht einmal klar, ob es in Österreich strafbar ist, Genitalverstümmelungen im Heimatland durchzuführen, wenn es dort nicht verboten ist.

Religiöse Vorwände

Wie Waris Dirie weiters unterstrich, habe die Genitalverstümmelung von vornherein nichts mit Religion zu tun. Sie werde etwa in Ägypten auch in christlichen Gemeinden praktiziert. Die Tradition sei viel älter als das Christentum oder der Islam. Trotzdem würden heute oft religiöse Vorwände herangezogen: "Es gibt viele islamische Prediger, die sagen, dass die Verstümmelung vom Propheten empfohlen ist. Das ist eine Katastrophe". In Österreich würden die Muslimen zwar beteuern, das das nichts mit Islam zu tun habe, es werde aber auch nicht dagegen gepredigt. "Jeder Imam, der sich nicht aktiv gegen die Genitalverstümmelung einsetzt, macht sich an den Frauen schuldig", so die Somalierin wörtlich. Zur Frage, wie die katholische Kirche den Kampf gegen die Genitalverstümmelung unterstützen sollte, meinte Waris Dirie, dass es vor allem darum gehe, eine klare Position zu beziehen. Auch sollte die Kirche mehr Geld für Präventionsarbeit bereitstellen, in Afrika wie in Europa.

"Ein Verbrechen, das abgeschafft werden muss"

Zu ihrem persönlichen Engagement sagte die Somalierin, dass sie dafür auch bedroht werde. Man werfe ihr vor, die eigene Kultur und Tradition zu verraten und gegen die eigenen Landsleute zu hetzen. Aber Verstümmelung sei keine Tradition, so Waris Dirie, "sondern ein Verbrechen, das abgeschafft werden muss".

 

 

 

Link:

- Katholische Männerbewegung 

 

 

 
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