Waris Dirie: Verstümmelung ist
keine Tradition, sondern ein Verbrechen
Morgen, Donnerstag wird Waris
Dirie, Ex-Model aus Somalia und UN-Sonderbotschafterin, mit dem
"Romero-Preis" der Katholischen Männerbewegung ausgezeichnet. In
einem Interview für die westösterreichischen Kirchenzeitungen schätzt
Dirie die Zahl der von Genitalverstümmelung betroffenen Frauen in Österreich
auf 8000.
In
dem Interview kritisiert die aus Somalia stammende Dirie, dass betroffene
Frauen in Österreich auf völliges Unverständnis bei Ärzten und Behörden
stoßen würden. Auch in Österreich würden Genitalverstümmelungen
durchgeführt, betont Dirie. Eine Studie der afrikanischen
Frauenorganisation hätte ergeben, "dass ein Drittel der afrikanischen
Familien ihre hier geborenen Töchter beschneiden lässt". 88 Prozent
dieser Familien würden die Verstümmelung in Afrika durchführen lassen,
der Rest in Europa, vor allem in Deutschland und den Niederlanden, aber auch
in Österreich. Es gebe zwar in Österreich ein Gesetz, das Genitalverstümmelungen
verbietet, aber es gebe noch keinen gerichtsanhängigen Fall. Insofern wisse
man auch nicht, ob der Rechtsschutz ausreicht. Was auf jeden Fall fehlt, sei
Präventionsarbeit: "Denn was nützt ein Gesetz, wenn sich niemand
daran hält".
Unklare Rechtslage
Während
in Österreich diese Präventionsarbeit fehle, gebe es in anderen Ländern
wie etwa in Frankreich ein ausgeklügeltes System, erklärte die
UN-Sonderbotschafterin. In Frankreich wären Sozialarbeiter, Lehrer, Ärzte,
Krankenschwestern informiert und wüssten, worauf sie achten müssen. Waris
Dirie: "Wenn eine Familie mit ihrer Tochter im kritischen Alter nach
Afrika fährt, sprechen sie mit den Eltern, klären sie über die
gesetzlichen Folgen auf, und geben ihnen offizielle Briefe mit. Darin wird
den Verwandten erklärt, dass die Eltern ins Gefängnis müssen, wenn jemand
dem Kind etwas antut". Das alles fehle in Österreich. Selbst wenn
jemand Verdacht schöpft, wisse er nicht, an wen er sich wenden soll. Es sei
nicht einmal klar, ob es in Österreich strafbar ist, Genitalverstümmelungen
im Heimatland durchzuführen, wenn es dort nicht verboten ist.
Religiöse Vorwände
Wie
Waris Dirie weiters unterstrich, habe die Genitalverstümmelung von
vornherein nichts mit Religion zu tun. Sie werde etwa in Ägypten auch in
christlichen Gemeinden praktiziert. Die Tradition sei viel älter als das
Christentum oder der Islam. Trotzdem würden heute oft religiöse Vorwände
herangezogen: "Es gibt viele islamische Prediger, die sagen, dass die
Verstümmelung vom Propheten empfohlen ist. Das ist eine Katastrophe".
In Österreich würden die Muslimen zwar beteuern, das das nichts mit Islam
zu tun habe, es werde aber auch nicht dagegen gepredigt. "Jeder Imam,
der sich nicht aktiv gegen die Genitalverstümmelung einsetzt, macht sich an
den Frauen schuldig", so die Somalierin wörtlich. Zur Frage, wie die
katholische Kirche den Kampf gegen die Genitalverstümmelung unterstützen
sollte, meinte Waris Dirie, dass es vor allem darum gehe, eine klare
Position zu beziehen. Auch sollte die Kirche mehr Geld für Präventionsarbeit
bereitstellen, in Afrika wie in Europa.
"Ein Verbrechen, das
abgeschafft werden muss"
Zu
ihrem persönlichen Engagement sagte die Somalierin, dass sie dafür auch
bedroht werde. Man werfe ihr vor, die eigene Kultur und Tradition zu
verraten und gegen die eigenen Landsleute zu hetzen. Aber Verstümmelung sei
keine Tradition, so Waris Dirie, "sondern ein Verbrechen, das
abgeschafft werden muss".
Link:
- Katholische
Männerbewegung
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