News 21. 01. 2005

Die Kirche und der Widerstand gegen das NS-Regime

Der Kirchenhistoriker Liebmann erinnert an das Rosenkranzfest 1938, aber auch an den beschämenden Umgang mit katholischen KZ-Überlebenden. Über die Rolle des Kardinals Innitzer sprach Diözesanarchivarin Fenzl: Er sei „nie ein Antisemit gewesen“.

Als "zündenden Funken" für den katholisch-kirchlichen Widerstand gegen das NS-Regime bezeichnete der Grazer Kirchenhistoriker em. Prof. Maximilian Liebmann bei der Tagung "Widerstand in Österreich 1938-1945" im Parlament das Rosenkranzfest am 7. Oktober 1938 im Wiener Stephansdom. Das Fest mit der Predigt Kardinal Theodor Innitzers, die in der Feststellung "Christus ist unser Führer" gipfelte, sei zu einer eindrucksvollen Widerstandskundgebung geworden. Tags darauf sei das Wiener Erzbischöfliche Palais von den Nationalsozialisten verwüstet worden.

Kirche und KZ-Überlebende

Zugleich trat Liebmann für eine profunde Aufarbeitung des Umgangs der Kirche mit Priestern ein, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den KZs zurückgekehrt waren. Der Historiker merkte im Hinblick auf das Verhalten nach 1945 an: "Man wollte die 'Ehemaligen', ob Täter oder nicht, für die Kirche zurückgewinnen. Da schien die Rückschau bzw. die historisch korrekte Aufarbeitung der NS-Zeit durch entsprechende Gedenkveranstaltungen offensichtlich mehr hinderlich als förderlich". Liebmann wörtlich: "Analogien zum Verhalten der politischen Parteien drängen sich hier unwillkürlich auf".

„Patriotische Glaubenszeugen“

Der Historiker verwies auch auf den Linzer Diözesanbischof Maximilian Aichern, der im "Gedenkjahr" 1988 festhielt, dass die Kirche mit ihren Märtyrern zur Zeit des Nationalsozialismus nicht zurechtgekommen sei. Diese Feststellung habe nach wie vor Gültigkeit, so Prof. Liebmann: "Wie kommt es, dass kaum Dankgottesdienste für das Ende des NS-Regimes, sondern beinahe nur für die Beendigung des Krieges gefeiert wurden? Warum hat die Kirche Österreichs ihrer patriotrischen Glaubenszeugen in Kerkerhaft nicht gedacht? Warum hat kein Bischof versucht, einen seiner inhaftierten Geistlichen zu besuchen?"

Symposium als ein „Weckruf“

Die Bischöfe hätten zwar in einem gemeinsamen Hirtenbrief vom Oktober 1945 jene Christen gewürdigt, die um des Glaubens Willen leiden mussten, konkrete Taten seien aber ausgeblieben. Als die Grazer Katholisch-Theologische Fakultät im Sommer des Jahres 2000 den letzten noch lebenden Priester, der das KZ erdulden musste, mit dem Goldenen Ehrenring für seine Widerstandstätigkeit auszeichnete, habe der 90-jährige mit tränenerstickter Stimme gesagt: "Dass das noch jemand anerkennt, dass das noch gewürdigt wird, daran habe ich nicht mehr gedacht". "Nachholen" sei gefragt, dafür könne das Symposion im Parlament ein "Weckruf" sein.

Hunderte Priester betroffen

Liebmann erinnerte an die Forschungen seiner Kollegin em. Prof. Erika Weinzierl, wonach von 1938 bis 1945 insgesamt 724 österreichische Priester im Gefängnis waren. Von ihnen seien sieben gestorben. 110 kamen in KZs, 20 davon haben nicht überlebt. 15 wurden zum Tod verurteilt und hingerichtet. Mehr als 300 Priester waren landesverwiesen, über 1.500 Priester wurde Predigt- und Unterrichtsverbot verhängt.

Widerstand „von unten“

Weder aus dem nationalsozialistischen Kirchenkampf noch aus ihrer Ablehnung von Ideologie und Zielsetzung des Nationalsozialismus hätten die Bischöfe die Folgerung gezogen, dass der Katholik zum aktiven Widerstand gegen das NS-Regime berechtigt oder gar verpflichtet sei. Zu sehr wurde Hitler als "legitime Obrigkeit" angesehen, der man zu gehorchen habe. Wer dennoch Widerstand leistete, habe dies weitestgehend ohne Ermutigung durch die kirchliche Obrigkeit, sondern vielmehr aus persönlicher Verantwortung heraus getan. Liebmann: "Der aktive Widerstand kam von unten, von einzelnen Christen oder Gemeinschaften, und die Zahl der Opfer in Österreich war beträchtlich". Auf der anderen Seite müsse aber auch betont werden, so Liebmann weiter, dass die Bischöfe sich niemals in der Öffentlichkeit von Priestern oder Laien lossagten, die aus christlichen und patriotischen Gründen verfolgt, inhaftiert oder hingerichtet wurden.

Nationalsozialistische Kirchenpolitik

Liebmann erinnerte auch daran, dass die nationalsozialistische Kirchenpolitik in Österreich willkürlicher und rücksichtloser war als in Deutschland. Hitler hatte Österreich zur "konkordatsfreien Zone" erklärt, während für Deutschland das Reichskonkordat immerhin noch eine gewisse Barriere im Kirchenkampf darstellte. So sei etwa das Gnadengesuch, das der Apostolische Nuntius in Berlin, Erzbischof Cesare Orsenigo, für Schwester Restituta Kafka einreichte, gar nicht erst angenommen worden, weil seine Zuständigkeit für Österreich nicht anerkannt wurde.

Innitzer „kein Antisemit“

Die Rolle Kardinal Theodor Innitzers während des NS-Zeit stellte die Wiener Diözesanarchivarin Annemarie Fenzl in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Es gelte, ein einseitiges Bild des Kardinals zurecht zu rücken. Ganz im Gegenteil sei Innitzer anders als zahlreiche andere Christlichsoziale seiner Zeit nie ein Antisemit gewesen.

Entscheidung des Gewissens

Als Erzbischof von Wien habe er von Anfang an eine entschieden judenfreundliche Haltung eingenommen. Aber auch schon als Rektor der Universität Wien habe Innitzer jüdische Studenten Ende der zwanziger Jahre gegen deutschnationale und nationalsozialistische Ausschreitungen in Schutz genommen. Insgesamt stehe Innitzer in der Spannung zwischen seiner Position als Repräsentant der Institution, die einen Ausgleich mit den Herrschenden suchen musste, im "zu retten, was zu retten war", und seiner kompromisslosen persönlichen Gewissensentscheidung.

„Hilfsstelle für nichtarische Christen“

In besonderer Weise wies Fenzl auf die von Innitzer im eigenen Haus beherbergte "Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Christen", hin, die den getauften Juden auf alle erdenkliche Weise half. Zunächst bei der Ausreise aus Österreich, später bei der Beschaffung von Dokumenten, sie gab Beratung in Rechtsfragen oder vermittelte ärztliche Hilfe. Am wichtigsten sei aber die seelische Betreuung der Ausgestoßenen gewesen, so Fenzl. Die Hilfsstelle stand nicht nur Katholiken,sondern allen Hilfesuchenden offen und hielt auch so lange wie möglich den Kontakt mit den nach Theresienstadt oder Polen Deportierten aufrecht.

Kontakt mit Hilfsstelle

Von den 23 Mitarbeitern der Hilfsstelle seien zwölf im Sinne der Nürnberger Gesetze jüdischer Herkunft gewesen, so Fenzl. Acht von ihnen seien von den Nazis ermordet worden. Kardinal Innitzer sei ständig in engem Kontakt mit der Hilfsstelle und den Mitarbeitern geblieben. Er habe auch unermüdlich versucht, finanzielle Mittel für die Stelle aufzutreiben.

„Liebe ohne Grenzen“

Die Diözesanarchivarin erinnerte auch an jene Verordnung aus dem Jahr 1941, nach der alle Juden öffentlich den Judenstern tragen mussten. Kardinal Innitzer habe sofort einen Hirtenbrief verfasst, in dem er alle Katholiken zur "Liebe ohne Grenzen" ermahnte. Fenzl: "Dieses Hirtenwort, das dann auf Betreiben der Gestapo nicht verlesen werden durfte, das aber trotzdem zur Kenntnis genommen wurde, ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Gesinnung Innitzers". Es sei ein mutiges Wort in jenen Tagen gewesen, als sich Hitler entschloss, die jüdischen Menschen in seinem Machtbereich zu vernichten.

Leben gerettet

Fenzl: "Als Einzelperson hat Innitzer, zusammen mit seinem Team, dem er die Arbeit in prinzipieller und finanzieller Hinsicht ermöglichte, Hunderten sogenannten nichtarischen Menschen das Leben gerettet". Darüber hinaus habe er vielen Todeskandidaten die letzte Lebenszeit erträglich und würdevoller zu gestalten versucht. Fenzl: "Das hat er auch erreicht, wie erschütternde Briefe aus Polen und Theresienstadt beweisen".

Sr. Restituta "Resolute" Märtyrerin

Als "sehr kantiges Beispiel für den Einzelwiderstand" bezeichnete Sr. Edith Beinhauer das Leben und Wirken der selig gesprochenen Sr. Restituta Kafka. Als Märtyrerin liege Sr. Restitutas Bedeutung gerade darin, Menschen zum Engagement und zum Widerstand zu ermutigen. In den Jahren der Naziherrschaft habe man ihr von Ordensseite abgeraten, Widerstand zu leisten. Stattdessen sollte sie die Situation in Demut hinnehmen. Doch Schwester Restituta "widerstand in ihrer geradlinigen Art dem Widerstand gegen den Widerstand", so Beinhauer. Ihre oft ruppige Art habe ihr auch den Spitznamen "Schwester Resoluta" eingetragen, den selbst Papst Johannes Paul II. in der Predigt zur Seligsprechung auf dem Wiener Heldenplatz 1998 gebrauchte.

Widerstand im Kleinen

Der Widerstand Sr. Restitutas lag dabei im Kleinen, wie Beinhauer betonte, die im Seligsprechungsverfahren als Vizepostularin fungiert hatte: So hängte Sr. Restituta Kreuze im Krankenhaus Mödling auf und weigerte sich, diese auf Nazi-Geheiß wieder abzunehmen. Nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo im Februar 1942 weigerte sie sich, zu kooperieren, was ihre Situation immer aussichtsloser machte.

Zum Tod verurteilt

Aus der Zeit ihrer Haft seien - so Beinhauer - Aussagen der Mitgefangenen überliefert, die in Sr. Restituta immer "Hilfsbereitschaft, Mut und Tröstungen" fanden. Sie habe allen vorgelebt, was es heißt, zu glauben, so Beinhauer. Im Oktober 1942 wurde die Ordensfrau wegen Hochverrats zum Tod verurteilt und am 30. März 1943 hingerichtet. Papst Johannes Paul II. sprach Sr. Restituta am 21. Juni 1998 in Wien selig.

 

 

 

 
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