Geschichte
In Tibet entstand eine eigene Form des Buddhismus, dessen früheste Spuren auf das 7. Jahrhundert n. Chr. zurückgehen. Der tibetische Buddhismus wurde stark von der Bön Religion beeinflusst, die schon davor in Tibet verbreitet war und von schamanistischen Praktiken geprägt ist. Die Hochzeiten des damaligen tibetischen Königs Songtsan Gambo mit der nepalesischen Prinzessin Khridzun und der chinesischen Prinzessin Wencheng, die aus buddhistischen Gebieten stammten, führten neben machtpolitischen Erwägungen zur Einführung des Buddhismus in Tibet.
Zu dieser Zeit gab es bereits eine Vielfalt an buddhistischen Texten und Strömungen. In der Auseinandersetzung darüber, welcher buddhistischen Schule man die Gunst schenken sollte, wurde im 8. Jahrhundert n. Chr. der buddhistische Tantriker Padmasambhava („der aus einem Lotus Geborene”) zur Hilfe geholt. Der Überlieferung nach gelang es Padmasambhava in einer Dämonenbeschwörung – bei der andere buddhistische Vertreter erfolglos blieben – die Geister der Bön Religion zu „bannen“. Diese Geister wurden zum Teil der buddhistischen Lehre „verpflichtet“, was zu einer synkretistischen Verbindung von Elementen der alten und der neuen Religion führte.
Zahlreiche buddhistische Texte wurden ins tibetische übersetzt und für die sich gerade entwickelnde tibetische Tradition des Buddhismus neu gewichtet. Besondere Bedeutung wurde den Texten der tantrisch geprägten Mahayana-Strömung „Vajrayana“ („Diamantfahrzeug“) und bestimmten Sutren beigemessen. Der tantrische Einfluss auf den tibetischen Buddhismus ist heute noch deutlich durch den Fokus auf das Rezitieren von Matras, das Visualisieren bestimmter Zustände in der Meditation und die angestrebte Einswerdung mit dem Lehrer erkennbar. Der Überlieferung nach hatte Padmasambhava als Tantriker übernatürliche Kräfte, die er nutzte, um tantrische Texte erscheinen zu lassen. Tibet sei damals aber noch nicht reif für diese Texte gewesen, weshalb sie vergraben wurden, um zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgefunden zu werden. Der bedeutsamste dieser Texte ist das tibetische Totenbuch.
Nach dem ersten Aufkommen des Buddhismus in Tibet kam es im 9. Jahrhundert n. Chr. aufgrund eines politischen Machtwechsels und religiöser Spannungen zu einer erneuten Stärkung der Bön Religion. Erst im 11. Jahrhundert brachten Missionare aus Indien neue Texte aus der Mahayana-Tradition, aber auch aus tantrischen Quellen nach Tibet. Dies führte zu einem erneuten Aufleben des tibetischen Buddhismus.
Astrid Mattes

