News 09. 02. 2012

Pius XI. und Österreich: Forschungsprojekt mit Überraschungen 

Genau zwei Jahre nach dem Start des interdisziplinären Forschungsprojekts „Pius XI. und Österreich“ liegen nun erste neue historische Erkenntnisse zum Pontifikat Pius XI. und zum Verhältnis des Vatikan zur Ersten Republik (1918-1938) vor. Betroffen sind die Regierungstätigkeit von Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel ebenso wie das Zustandekommen des Konkordats, der Übergang der Ersten Republik zum autoritären Ständestaat und die vatikanischen Warnungen vor dem Nationalsozialismus. Daneben werden auch die Hintergründe von Bischofsernennungen in Österreich aufgezeigt, die nach dem Ende der Monarchie erstmals vom Papst direkt vorgenommen wurden.

Laut Kathpress liegt ein Dossier des Projektleiters und Wiener Kirchenhistorikers Rupert Klieber u. a. darüber vor, dass Pius XI. (1922-1939) über das Bestreben der Regierung Dollfuß, die demokratische Verfassung der Republik in einen autoritären Ständestaat umzuwandeln, gut informiert war. Der Papst habe nicht von sich aus politisch Einfluss genommen, jedoch auf Anfrage von Bundespräsident Wilhelm Miklas dessen moralische Bedenken zerstreut.

Forschungsprojekt „Pius XI. und Österreich“

Anlass für diese erste Publikation der Forschungsergebnisse ist der 90. Jahrestag der Wahl Pius XI. am 6. Februar sowie sein „Krönungstag“ am 12. Februar 1922. Gestartet wurde das Forschungsprojekt „Pius XI. und Österreich“ im Jänner 2009. Es kooperiert mittlerweile mit zahlreichen internationalen Partnern wie etwa dem internationalen „Forschungsnetzwerk Pius XI“ des Münsteraner Kirchenhistorikers Hubert Wolf. Möglich wurden die Projekte durch die Öffnung der Vatikanischen Archive zum Pontifikat von Pius XI. im Jahr 2006. Die durch Workshops, Forschungsseminare und die Vermittlung von Rom-Stipendien der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zusammengetragenen Ergebnisse sollen laut Klieber bei einer Tagung am 22. und 23. November 2012 in Wien offiziell präsentiert werden.

„Fact finding mission“ des Vatikans anno 1929

Ein enger Konnex zwischen Pius XI. und Österreich besteht u. a. durch die Erklärung der Regierung Dollfuß, mit dem „Ständestaat“ zwischen 1934 und 1938 die päpstliche Enzyklika „Quadragesimo anno“ (1931) politisch in die Tat umzusetzen. In der Literatur wird diese Enzyklika laut Klieber mitunter als „aktive vatikanische Sterbehilfe“ am parlamentarischen System der Ersten Republik beschrieben - neuere Forschungen erlaubten nun jedoch einen „sehr viel differenzierteren Blick auf den Einfluss des Vatikans auf die Vorgänge in Österreich“. Konkret initiierte der Vatikan 1929 eine eigens nach Österreich entsandte „fact finding mission“, um sich über die „religiöse Gefährlichkeit“ der damaligen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Gewissheit zu verschaffen. Auf den „Kulturkampffeldern“ Ehe, Schule und Jugendarbeit ortete der Vatikan in Person des nach Österreich entsandten Luigi Faidutti die Gefahr eines „enormen religiösen Schadens“, so Klieber.

Enzyklika als Argument für autoritären Kurs

Vor diesem Hintergrund erscheine die Selbstausschaltung des Parlaments im März 1933, die politischen Ereignisse im Februar 1934 und die Errichtung des „Ständestaates“ in einem anderen Licht, sahen viele im katholischen Lager sich doch dadurch bestätigt in ihrem Wunsch nach einer staatlichen Neuordnung. Für Dollfuß wurde die Enzyklika laut Klieber zu einem „starken moralischen Argument für seinen autoritären Kurs. Im Oktober 1933 spitzten sich die Ereignisse schließlich zu, als Miklas klar wurde, dass die Regierung Dollfuß nicht etwa auf eine bloße Abänderung der Verfassung hinarbeitete, die, etwa im Hinblick auf eine Aufwertung des Präsidentenamtes und die Absicherung kirchlicher Positionen, auch in Miklas' Sinne gewesen wäre. Als sich die Signale in Richtung einer autoritär-diktatorischen Regierungsform verdichteten, sei für den überzeugten Katholiken Miklas „der Ernstfall seiner Gewissensentscheidung“ eingetreten, so Klieber. Und so suchte er unter Umgehung des in Wien residierenden Nuntius beim Papst persönlich Rat. Übermittler seines Schreibens war Kardinal Theodor Innitzer.

Hinweis auf das „Volkswohl“

Die Antwort von Pius XI. folgte, datiert auf den 29. Dezember 1933. Darin versuchte Pius XI., die Gewissensskrupel des Präsidenten unter Hinweis auf das „Volkswohl“ zu zerstreuen und ihn von einem Rücktritt zurückzuhalten, so Klieber. Wörtlich heißt es in dem Brief: „Die Änderungen, die man an der Verfassung vorzunehmen im Begriffe steht, dienen aber offensichtlich dem höheren Wohle des Landes. Indem der Herr Bundespräsident sie gut heißt, hält er sich also, wenn auch nicht an den Buchstaben, so doch an den Geist seines Amtseides und gibt ihm eine höhere Erfüllung (...).“

Worte des Papstes beruhigten nicht

Es spreche für Miklas, so Klieber, dass ihn die Worte des Papstes nicht beruhigten und er in einem vertraulichen Schreiben vom 2. Februar 1934 an die österreichischen Bischöfe abermals seine Bedenken formulierte. Indes machten die Ereignisse des 12. Februar diese Überlegungen schließlich obsolet. Man müsse sich jedoch zugleich die Frage stellen, so Klieber, ob die Entwicklungen in Österreich zur Zeit der Konsultation des Papstes nicht bereits so weit fortgeschritten waren, dass „selbst ein energischer Schritt des Bundespräsidenten wohl keine grundsätzliche Wende mehr herbeigeführt hätte“.

Staatsformen „ergebnisorientiert“ behandelt

Klieber sagt zu dieser Frage abschließend: „Dem aktuellen Forschungsstand zufolge hat die Kurie unter Pius XI. nur indirekt über Ermutigungen und Ermahnungen ins politische Geschehen Österreichs eingegriffen. Die Konsultation des Präsidenten erfolgte allein auf dessen nachdrücklichen Wunsch.“ Weiters gibt Klieber hinsichtlich des vatikanischen Vorgehens zu bedenken, dass die gängige kirchliche Lehre Staatsformen damals noch allein „ergebnisorientiert“ beurteilte: Solange sie die „Naturrechte“ (sprich: menschenrechtliche Grundstandards) und „Kirchenrechte“ respektierte, wurden sie gut geheißen, sonst verurteilt.

Enges Verhältnis zu Seipel

Schon vor den Ereignissen in den Jahren 1933/34 war Pius XI. informiert über die österreichischen Verhältnisse durch ein außerordentlich enges Verhältnis zu Bundeskanzler Ignaz Seipel: Der Geistliche und Obmann der Christlichsozialen Partei von 1921 bis 1930 stand von 1922-1924 und von 1926-1929 der Regierung vor. Der gute Kontakt zu Pius XI. wurde vermittelt über einen vertrauensvollen Austausch mit dem damaligen vatikanischen Nuntius in Österreich, Enrico Sibilia. Quellenstudien zeigten nun laut Klieber, dass Seipel u. a. mehrfach den Vatikan zu offiziellen Stellungnahmen zur Situation in Österreich angeregt hat. Auch informierte Seipel den Nuntius exklusiv über die Beweggründe seines überraschenden Rücktritts im April 1929: Damit habe er den Weg frei machen wollen für „energische Schritte“ der Innenpolitik, die er „mit Rücksicht auf seine Priesterwürde nicht selbst verantworten wollte“, so Klieber. 

Entsetzen im Vatikan nach „Anschluss“

„Mit Entsetzen“ haben laut Klieber die römische Kurie und der seit 1936 in Wien amtierende Nuntius Gaetano Cicognani auf den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich reagiert. Bereits vor dem Anschluss hatte der Nuntius wiederholt die mutlose Haltung von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg gegenüber Hitler kritisiert. Nach dem Einmarsch habe er schließlich vergeblich versucht, Kardinal Innitzer „von vorauseilenden Loyalitätsbekundungen abzuhalten“. Klieber: „Es bedurfte eines massiven vatikanischen Drucks auf Innitzer, dass er nach Rom reiste, wo ihn der Papst scharf zurechtwies und nötigte, im 'Osservatore Romano' eine Klarstellung zu veröffentlichen.“ Auch ein vom österreichischen Rektor des Priesterkollegs Santa Maria dell'Anima, Alois Hudal, in Rom angesetztes „Te Deum“ für den „Anschluss“ konnte nur „auf allerhöchste kirchliche Weisung“ unterbunden werden.

Innitzer nur „zweite Wahl“

 Auch hinsichtlich der Bischofsernennungen in Österreich nach 1918 gibt es neue Erkenntnisse. Das Erlöschen des kaiserlichen Ernennungsrechtes für Bischöfe mit dem Ende der Monarchie machte eine Neuregelung dieser Frage notwendig. Neu geregelt wurden von Rom auch die traditionellen Ernennungsprivilegien Salzburgs für die Diözesen Gurk und Seckau. Theodor Innitzer etwa  war, wie die Quellen zeigen, nur die zweite Wahl für Pius XI. bei der Besetzung des Wiener Bischofsstuhls 1932. Vorgesehen war eigentlich der Linzer Pastoraltheologe Wenzel Grosam, der sich jedoch dem Amt verweigerte. Bei Bischofsernennungen in Seckau und Salzburg lassen die Quellen laut Klieber eine deutliche Einflussnahme kirchennaher Politiker auf die Wahl erkennen.

„Übersteigerter katholischer Gestaltungswille“

In einem Resümee zum Pontifikat von Pius XI. hält Klieber fest, dass dieser das Papstamt kraft seiner starken Persönlichkeit sowie der von ihm erreichten völkerrechtlichen Absicherung „zu einem neuen Höhepunkt seines Ansehens und Einflusses geführt“ habe. Das habe gleichzeitig Erwartungen engagierter Katholiken gesteigert, von höchster Stellung sichere Weisungen für möglichst alle Fragen der turbulenten Zeit zu erhalten. Gerade die für Österreich so folgenreiche Enzyklika „Quadragesimo anno“ verweise jedoch „auf immanenten Grenzen und Gefahren dieses übersteigerten katholischen Gestaltungswillens“. So habe die Gefahr bestanden, dass die katholische Kirche selbst in den Ring der Ideologien steigt.

Früchte der Erfahrungen mit Ära Pius XI.

Die Kategorien der katholischen Soziallehre seien dafür aber „bei weitem zu unvollständig und vieldeutig“ für ein alternative katholische Staats- und Gesellschaftsordnung gewesen. Das Konzept „Ständeorganisation“ sei in späteren päpstlichen Äußerungen daher auch nicht mehr aufgegriffen worden, so Klieber. Die Entscheidung im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils, „stärker die Autonomie der weltlichen Wissenschaften zu respektieren und die Äußerungen des Hl. Stuhles auf Grundsatzfragen des Glaubens und die Verteidigung von christlich-humanen Prinzipien zu konzentrieren“, sei wohl nicht zuletzt eine Frucht der Erfahrungen mit der Ära Pius XI., urteilt der Wiener Kirchenhistoriker.

 

(KAP)