Dalai Lama: Religion soll keine Trennlinien ziehen
Als „einfachem buddhistischen Mönch“ sei es ihm ein Anliegen, die „Harmonie zwischen den Religionen“ zu stärken. Das betonte der Dalai Lama am Freitag in Wien zu Beginn des zweiten Teils seines Österreich-Besuchs. Religion solle nie ein Faktor der Trennung zwischen den Menschen sein oder gar zu Konflikten oder Krieg führen. Das geistliche Oberhaupt des tibetischen Buddhismus betonte die humanisierende und solidarisierende Kraft, die allen Religionen innewohne.
Alle hätten das Potenzial, in den Menschen Tugenden wie Mitgefühl, Liebe, Toleranz, Vergebung und Selbstdisziplin zu fördern, sagte der Dalai Lama nach seiner Ankunft aus Belgien bei einer Pressekonferenz im Hotel Hilton. Mit ihm am Podium war der in Indien geborene Völkerrechtler Lobsang Sangay, seit dem vergangenen Jahr Ministerpräsident der tibetischen Exilregierung. „Er ist mein politischer Chef, ich sein spiritueller“, scherzte der Dalai Lama eingangs. Die „Essenz der Spiritualität“ bilden nach den Worten des 76-Jährigen Großmut und Warmherzigkeit. Andere als Bruder und Schwester zu respektieren, gehe Gebet und Meditation voraus. Diesen Respekt müsse auch Erziehung heute jungen Menschen vermitteln, denn die Krise, die sich heute weltweit in Gewalt und Korruption äußere, basiere auf einem verbreiteten „Mangel an moralischen Grundsätzen“ und inneren Werten.
Optimistisch zu Zukunft Tibets
Über die Zukunft seiner 1959 unter dem Druck der chinesischen Besatzung verlassenen Heimat Tibet äußerte sich der Dalai Lama optimistisch. Die „Macht der Gewehre“ könne vielleicht eine Zeit lang die Oberhand über die „Macht der Wahrheit“ behalten, auf Dauer werde sich Letztere aber durchsetzen. Er beschreite weiterhin aus Überzeugung den Weg der Gewaltlosigkeit und suche den Nutzen für Tibeter wie auch Chinesen, die sich aus einer Lösung des Konflikts ergeben würde. Trotz der langen Unterdrückung sei der Wille der Tibeter, ihre Kultur und Religion zu bewahren, ungebrochen, ebenso die Unterstützung aus dem Ausland.
Autonomie innerhalb Grenzen Chinas
Lobsang Sangay ergänzte zu diesem Thema, seine Exilregierung strebe die Autonomie Tibets an, aber innerhalb der chinesischen Grenzen. Man setze weiterhin auf Dialog, auch wenn die chinesische Regierung sogar gewaltlose Formen des Protests unterbinde. In den letzten Jahren hätten sich insgesamt 35 Tibeter selbst angezündet, um gegen die Situation ihres Volkes zu protestieren, so Sangay. Derzeit sei man in Gesprächen mit der EU wegen der Bestellung eines Sonderbeauftragten für Tibet.
Umweltsituation in Tibet „besorgniserregend“
Von der für Samstagnachmittag in Wien geplanten Tibet-Kundgebung erwartet sich der in Harvard ausgebildete Jurist ein „Zeichen der Hoffnung“ für die Menschen in Tibet. Würde Hoffnungslosigkeit um sich greifen, wären Formen des Protests zu befürchten, „die wir nicht wollen“, sagte Sangay. Der Dalai Lama kündigte für Sonntag ein Eingehen auf die besorgniserregende Umweltsituation in Tibet an - das Hochland habe für die Erderwärmung ähnliche Bedeutung wie die beiden Pole. Zudem wolle er darstellen, dass sich die tibetische Religion nicht auf die Tibeter beschränke, auch andere Völker in Zentralasien gehörten ihr an, und „Millionen junger Chinesen“ würden Interesse daran zeigen.
Bereits zwölfmal zu Gast in Österreich
Befragt nach seiner Einschätzung der österreichischen Kultur meinte der Dalai Lama, davon verstehe er trotz mehrerer Aufenthalte zu wenig. Ihm gefielen aber die in Österreich übliche Tracht mit Hut und Gamsbart, die er wohl auch tragen würde, wäre er nicht Mönch, wie er lachend hinzufügte. Am Sonntag trifft der Dalai Lama mit Kardinal Christoph Schönborn zusammen, um 9.20 Uhr steht im Hotel Hilton ein gemeinsames Pressegespräch auf dem Programm.
(APA/KAP)
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