Wiener Religionspädagoge: „Islamische Bewegungen nicht verurteilen“
Islamistische Parteien sind als dominante Kraft aus dem Arabischen Frühling hervorgegangen und halten nun in Ägypten, Tunesien und innerhalb der syrischen Opposition das Heft in der Hand. In Europa fürchten viele, es könnte zu einem kulturellen Backlash kommen, der unter anderem zur Einschränkung der Rechte von religiösen Minderheiten und Frauen führt. Dem widerspricht der österreichisch-türkische Religionspädagogen Ednan Aslan.
„Wir dürfen islamische Bewegungen nicht verurteilen, und ihnen damit die Möglichkeit zur Entwicklung absprechen“, sagte er am Montagabend bei einer Debatte mit der jemenitisch-schweizerische Politologin Elham Manea auf Einladung des „Forum Emanzipatorischer Islam“ in Wien.
„Dürfen keine Wunder erwarten“
Der Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Wien plädiert dafür, den Schwenk zum politischen Islam in den zuvor autokratisch regierten Staaten als politischen Bildungsprozess zu sehen. Das gelte besonders für Ägypten, wo der Muslimbruder Mohammed Mursi bei der Stichwahl Mitte Juni gute Aussichten auf das Präsidentenamt hat. „Die Ägypter haben das erste Mal seit 7.000 Jahren gewählt, wir dürfen über Nacht keine Wunder erwarten“, sagte Aslan. Man müsse den Menschen die Chance geben, die Bewegung zu „entzaubern“.
Aslan: Keine Gefahr eines Gottesstaates
Es seien keine radikalen gesellschaftlichen Veränderungen durch die Muslimbrüder zu erwarten. Die Menschen würden sich von der künftigen Regierung in erster Linie wirtschaftlichen Aufschwung erwarteten. Aslan sieht keine Gefahr der Errichtung eines Gottesstaates in Ländern des Arabischen Frühlings. Man habe in Ägypten seit Anfang des 20. Jahrhunderts einen islamischen Staat errichten wollen, habe aber sehen müssen, „es ist nicht zu machen“.
Politischer Islam „junges Phänomen“
Im Koran gebe es keine Quelle, die vom Staat spreche, sagte Aslan. Der Islam schreibe kein bestimmtes politisches System vor, sondern gebe lediglich ethische Grundlagen für ein gerechtes Leben. Die islamische Theologie habe im Laufe der Geschichte meist „am Rande des Staates“ existiert. Der politische Islam sei ein junges Phänomen, das im 20. Jahrhundert erstarkt sei, und habe keine tiefen Wurzeln im muslimischen Glauben.
Manea: Religion für politische Zwecke eingesetzt
Manea, die an der Universität Zürich lehrt, beurteilte den wachsenden Einfluss des politischen Islams kritisch. In vielen islamischen Staaten, darunter auch vorgeblich moderaten Staaten wie Marokko, sei es unter Strafe verboten, den Islam zu verlassen oder keine Religion zu haben. „Der Islam bestimmt jeden Aspekt der Gesellschaft, auch die Politik“. Die Religion werde für politische Zwecke eingesetzt und habe wiederholt dazu gedient, um autokratische Herrschaft zu legitimieren.
„Nur die Moschee war frei“
Den Aufstieg der Muslimbruderschaft sieht die Politologin als Erbe der undemokratischen Regierungen der Vergangenheit an. Unter diesen sei jeder Aspekt des öffentlichen Lebens kontrolliert worden, „nur die Moschee war frei“. Die Muslimbrüder seien zudem sozial tätig und an Orten präsent, an denen der Staat abwesend war, etwa Armenvierteln in Ägyptens Städten. Geholfen hätten der konservativen Bewegung dabei auch Ölgelder aus den Golfstaaten und Saudi-Arabien.
(APA/KAP)

