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"Alles ist leer" -  Zentrale Begriffe buddhistischer Weltsicht

Von Hans-Jürgen Greschat (Biografie) 

 

Im Buddhismus ist es von besonderer Bedeutung das Unwissen gegen Wissen auszutauschen. Buddha Gautama geht nicht von einer Offenbarung aus, sondern von dem, was er vorfindet. Das Erkennen von Anatman ersetzt den vom Augenschein gelernten Glauben, der Mensch sei ein "Ich" mit beständigem Wesenskern (Atman). Erkennen die Buddhisten Leerheit (Shunyata) auch im Erlöschen (Nirvana) von Verblendung, Gier und Hass, dann ist ihnen alles leer geworden.

Nichts ist beständig! So lehrt der Inder Gautama, genannt Shakyamuni, der "Weise aus dem Shakya-Clan" 500 Jahre vor Christus. Um die gleiche Zeit lebte in Griechenland Heraklit, den man den "Weisen von Ephesos" nennt. Von ihm wird berichtet, er habe gelehrt, dass "alles fließt". Der Inder zieht die negative Formulierung vor, der Grieche die positive, doch beide meinen dasselbe. Heraklit hat sich mit seiner Sicht im Abendland nicht durchgesetzt. Um zu begreifen, wie Buddhisten sich den Menschen, die Welt, die Erlösung vorstellen, sollten wir einmal probieren, die Dinge aus jener anderen Perspektive zu betrachten. Wir sind gewohnt, von seienden Dingen auszugehen. Aber wie die Inder wissen auch wir, dass z.B. der Mensch nicht derselbe bleiben wird in den Jahren zwischen Geburt und Tod, dass er sich anders erlebt mit zwanzig als mit siebzig, dass sein Leib sich verändert, kurzum: nichts bleibt, wie es war.

Zwei Fragen zum Begreifen der buddhistischen Lehre

Diese andere Perspektive sollten wir nie aufgeben, wenn wir uns bemühen, die buddhistischen Lehren von ANATMAN, NIRVANA und SHUNYATA näher zu begreifen. Zunächst werden wir die Antwort des Buddha Gautama auf zwei Fragen kennen lernen: (1) Wie soll man sich einen "fließenden" Menschen vorstellen? Hierauf antwortet seine Lehre von ANATMAN. Und (2): Was lenkt den Lauf des Fließens? Danach gilt es zu verstehen, wie das Heilsziel NIRVANA für Menschen "im Fluss" beschaffen sein kann. Schließlich wird uns SHUNYATA, die "Leerheit", beschäftigen. Dem Fließen auf der Prozessebene entspricht das Leere auf der Ebene des Seins.

Gott als Schöpfer oder Gott als gegenwärtig

Heraklit wollte niemanden als Lehrer anerkennen. Er begann folglich bei sich selbst zu forschen. Auch Gautama wandte sich enttäuscht von seinen Lehrern ab und begann, sich selbst zu erkunden. Gewöhnlich sind es die Philosophen, die bei dem ansetzen, was sie vorfinden und erkennen können. Hier stoßen wir auf einen wichtigen Unterschied des frühen Buddhismus zu jenen Religionen, die mit einer göttlichen Offenbarung anfangen. Erst unter dieser Voraussetzung beginnen Theologen zu erforschen, wozu Gott den Menschen geschaffen hat und wie Er ihn will. Zwei grundsätzliche theologische Positionen zeigen sich, die einander ausschließen. Für die eine steht Gott der Welt und dem Menschen gegenüber. Er ist ihr Schöpfer, Er der Grund, d.h. die Ursache von Welt und Mensch: Gott hat sie gemacht. Für die andere befindet sich Gott in der Welt und im Menschen. Der Mensch wird gleichsam zu einem Kleide Gottes. Ist Gott der Grund, d.h. die Basis, der Boden für alles Seiende (in der ersten Position), so kommt man der zweiten nahe, wenn man vom Menschen als dem "Ebenbild" Gottes spricht oder wenn es heißt, der "Odem", also das Leben, der Geist des Menschen, stamme von Gott und sei mithin göttlich.

Das indische Verständnis von Gott

Die erste Position passt kaum in den indischen Kontext. Dort glaubt man an die Wiedergeburt der Wesen. Ein gegenwärtiger Mensch hat bereits vielmals seine Gestalt gewechselt, war Tier und Gott und Mensch. Hunderttausendmal Wiedergeborene und der Mensch als Geschöpf Gottes, das passt nicht zusammen. Die zweite Position also ist jene, die Gautama in Indien vorgefunden hat. Gott ist in allem, was existiert. Der göttliche Teil im Menschen heißt Atman. Wer ihn in sich entdeckt, ist erlöst. Göttliches ist unvergänglich, Weltliches vergeht. Dieser Lehre widerspricht Gautama Buddha, indem er Atman leugnet und lehrt, dass alles unbeständig sei. Wenn das stimmt, dann kann es im vergänglichen Menschen keinen unvergänglichen Anteil geben. Mit seiner Nicht-Atman-Lehre (ANATMAN) führt der Buddha seine Schüler auf einen dritten Weg, vorbei an der Sicht von Gott als der Ursache und von Gott als dem Grund alles Seienden.

Ich und mein versus nicht-ich und nicht-mein

Im abendländischen Kontext besagt Buddhas Lehre: Es gibt keine unsterbliche, keine ewige Seele. ANATMAN widerspricht mithin dem Glauben frommer Europäer. Aber nicht nur ihrem, ANATMAN widerspricht auch dem Glauben der Unfrommen. Denn deren Selbst, das sie verwirklichen wollen, ihr Ich, das sie zudem antreibt, für das sie wirken und kämpfen, es existiert nicht wirklich! Wie kann das sein, wo doch alle Welt von "Ich" und "Mein" redet? Auch Shakyamuni und seine Jünger! Man sollte aber, sagt der Buddha später, nicht glauben, etwas müsse wirklich existieren, nur weil man einen Namen dafür kennt. Den Namen "Pegasus" gibt es, das geflügelte Pferd aber gibt es nur in der Phantasie. Zwei Ebenen sind zu unterscheiden, sagt der Buddha; ihnen entsprechen zwei Sprachen, die des Alltags und die der religiösen Erkenntnis. Das ist nicht anders, als wenn ein Chemiker im Kaffeehaus "Wasser" sagt und im Labor "H2O" und jedes mal richtig verstanden wird. Die Personalpronomen

"ich", "mein", "mir" gehören der konventionellen Sprache an und ermöglichen die Verständigung von Menschen untereinander. "Nicht-ich", "nicht-mein", "nicht-mir" bezeichnen dagegen die Wirklichkeit, wie Buddhisten sie sehen.

Das Ich verliert an Bedeutung

Die Konsequenz aus ANATMAN scheint, hört man sie zum ersten Mal, verblüffend. Klassisch formuliert lautet sie so: Das Leiden gibt es, doch kein Leidender ist da. Die Taten gibt es, doch kein Täter findet sich. Erlösung gibt es, doch nicht das erlöste Wesen. Den Pfad gibt es, doch keinen Wandrer sieht man da. (Visuddhi-Magga XVI) Die praktische Anwendung dieser Lehre hilft unserem Verstehen. Nehmen wir zum Beispiel ihren sprachlichen Ausdruck. In der Alltagssprache sagen wir "ich bin aufgeregt` ; auf der analytischen Ebene entspricht diesem Satz die Wahrnehmung "da herrscht Aufregung". Anstelle von "ich habe Angst" spürt man "Angst steigt auf `, anstelle von "ich freue mich" erkennt man "Freude breitet sich aus". Der Mensch gewahrt unmittelbar, was gerade geschieht. Er gewahrt auch, dass die Vorstellung von einem Ich nicht gebraucht wird, um zutreffend erkennen zu können, was in ihm selbst und in seiner Umgebung vorgeht.

Das Ich will Sicherheit

Alles fließt! Das bedeutet, alles wird, nichts ist. Das Ich, die Illusion von etwas Beständigem im Menschen, nährt sich aus der Vergangenheit, es ist ihr Resultat. Der Mensch schleppt Vergangenes mit sich herum, Erinnerungen an schöne Zeiten, an Verdienste, an die Verursacher von Leiden, die man erdulden musste, an alte Rechnungen, die es noch zu begleichen gilt. Solange der Mensch durch Vergangenes bedingt wird, ist er nicht frei für die Gegenwart, und weil man nur im Heute leben kann, verwehrt ihm das von Verflossenem zehrende Ich ein lebendiges Dasein im Jetzt. Die Zukunft beschäftigt das Ich nicht minder. Sie macht ihm Angst. Deshalb sucht das Ich sich zu schützen, indem es Geld und Besitz ansammelt, indem es an alles mögliche glaubt, das ihm Schutz und Sicherheit verheißt, Das Ich will Sicherheit. Ein unsicheres Ich fühlt sich minderwertig und deprimiert. Alles Leiden, so lehrt der Buddha, entsteht aus einem falschen Ichglauben. Befreiung vom Leiden fällt somit zusammen mit Befreiung vom Ichglauben überhaupt: Gibt man sein Ich auf, dann hängt man nicht länger an Vergangenem, dann fürchtet man nicht, was alles noch kommen könnte, dann wird man frei, die Gegenwart zu erleben, d.h. frei zu fließen, ohne von irgendetwas gestaut zu werden.

Der Mensch als Ensemble verschiedener Bestandteile

Die ANATMAN-Lehre ist uns freilich noch die Erklärung schuldig, wie denn ein ichloser Mensch funktionieren soll. Wie das Wort "Fahrrad", so benennt auch das Wort "Mensch" ein Ensemble aus verschiedenen Bestandteilen. Auf Sanskrit nennt man solch einen Teil des Menschen "Skandha", wir würden sagen "Aggregat". Fünf solche Aggregate machen den Menschen aus. Der Körper bildet die Basis. In ihm herrscht ständige Bewegung, unvorstellbar rasche im Gehirn, langsamere im Blutkreislauf, beim Atmen, im Stoffwechsel usf. Unsere körperlichen Sinne verbinden uns sodann mit draußen. Ein weiteres Aggregat ist die Wahrnehmung: Was ich von mir und der Außenwelt nicht wahrnehme, existiert für mich nicht. Auf eine Wahrnehmung reagieren wir mit einem Gefühl. Gefühle bilden dann das dritte Aggregat. Sie wechseln schnell und lenken unser Handeln. Auch ein viertes Aggregat steuert unser Verhalten, Auf Sanskrit heißt es Samskara, was mit "Formationen" oder "Gestaltungen" übersetzt werden kann. Unsere "Formationen", die wir im Laufe der Zeit erworben haben, können sich wieder verlieren oder auch umbilden, sie formen bloß unsere momentane Einstellung zu etwas. Von jeweiligen Formationen gesteuert, verhalten sich manche Menschen schamhaft, andere schamlos, manche bescheiden, andere gierig, manche achtsam, andere zerstreut.

Das Element des Bewusstseins

Das fünfte Aggregat ist schließlich das Bewusstsein. Ohne Bewusstsein läuft unser Handeln automatisch ab. Wenn unsere Hände etwa eine Routinearbeit verrichten, können unsere Gedanken umherspazieren, und wir gleichen geistlosen Robotern. Für Buddhisten hat das Bewusstsein aber große Bedeutung. Sie üben sich immer wieder darin, möglichst oft und lange klar bewusst wahrzunehmen und zu handeln. ANATMAN, wie vom Buddha am Menschen demonstriert, gilt für alles und jeden auf der Erde, im Himmel und in der Hölle. Alles setzt sich aus Teilen zusammen, aus materiellen und geistigen. Das Land, das Meer, die Berge, die Gegenstände bestehen bloß aus materiellen Teilen. Menschen und Tiere aus materiellen und geistigen Elementen, die Götter und Geister allein aus geistigen Bestandteilen. Aber alle wandeln sich ohne Unterlass. Ein unwandelbares Selbst ist in oder an nichts und niemandem zu entdecken. Für Buddhisten folgt daraus, dass es nicht lohnt, in die unbeständige Welt über das Lebensnotwendige hinaus zu investieren.

Wer steuert unseren Kurs?

"Wirklichkeit" kommt allein dem gegenwärtigen Augenblick zu. Der vorige ist ja bereits vergangen, der nächste noch nicht gekommen. Aber es fließt nicht kreuz und quer durcheinander, sondern mehr oder weniger konsequent in diese oder jene Richtung. Wer oder was steuert als eine Art "Kapitän auf der Brücke" unseren Kurs? ANATMAN besagt: Ein unwandelbares Ich, welches den Wandel lenken könnte, das gibt es nicht. Wer oder was lenkt uns aber dann? In den Religionen kennt man einen oder wenigstens irgendeinen bestimmten Gott als allmächtigen Lenker. Er halte alles in seiner Hand, das Leben jedes einzelnen, die Natur mit ihrem Wandel, das Weltall. Der Atheismus widerspricht diesem Glauben an einen Gott. Atheisten erkennen keinen Sinn hinter einem Wandel; alles kommt ihnen absurd vor. Als Lenker nennen sie den unberechenbaren Zufall.

Buddha lehrt das Gesetz der bedingten Entstehung

Der Buddha selbst lehrt einen mittleren Weg zwischen Theismus und Atheismus. Er lehrt das "Gesetz der bedingten Entstehung" (Pratitya-sam-utpada). Dieses Gesetz besagt: Weil jenes geschah, geschieht dieses jetzt, und dieses seinerseits wird wieder Folgen zeitigen. Weil er von Kunden eine Bestellung erhielt, hat beispielsweise der Tischler den Tisch gebaut. Er konnte ihn nur bauen, weil er Werkzeug und Holz zur Hand hatte. Holz aber bekam er vom Holzhändler, Werkzeuge vom Werkzeugmacher. Der Holzhändler wiederum erhielt das Holz aus dem Wald; dort war es gewachsen, weil Waldarbeiter Setzlinge gepflanzt hatten, die zuvor von jemandem aus Samen gezogen worden waren und so weiter und so fort... Kurz: Bedingte Entstehung lehrt, dass nichts und niemand für sich selbst oder aus sich selbst zu existieren vermag. Der Mensch lebt vernetzt mit anderen und mit den Dingen, wird also von ihnen bedingt und bedingt seinerseits andere und anderes.

Buddha widerspricht einer Schöpfung aus dem Nichts

Als Gesetz herrscht die "bedingte Entstehung" unbegrenzt. Der Buddha widerspricht einer Schöpfung aus dem Nichts, mit der in vielen Religionen die Weltgeschichte beginnt. Auch spätere Neuschöpfungen erklärt Buddha für unmöglich. Der Erschaffung aus dem Nichts entspricht als Gegenstück das Ende ins Nichts. Restlose Abschaffung lässt das Gesetz der "bedingten Entstehung" ebenso nicht zu. Erneut schlägt hier der Buddha einen mittleren Weg zwischen zwei Gegensätzen ein, diesmal den zwischen Schöpfung und Vernichtung.

Die "bedingte Entstehung"

Was immer ein Mensch erkennt und erfährt: warum entsteht es eigentlich und warum vergeht es wieder? Der Buddha antwortet: weil alles bedingt ist! Eine Erscheinung entsteht, eine andere schwindet, und doch reihen sie sich alle ohne Unterbrechung aneinander. Was man wahrnimmt, sind in Wirklichkeit Ketten aus augenblicklichen Ereignissen. Denken wir uns einmal einen Menschen, etwa um die vierzig Jahre alt. Er blättert im Familienalbum und entdeckt ein Photo von sich als Dreijährigem. Ist der Vierzigjährige nun derselbe oder ein anderer als das Kind auf dem Photo? Derselbe ist er natürlich nicht, er hat sich inzwischen erheblich verändert. Ein anderer ist er aber auch nicht. Vielmehr ist es so: Gestützt auf seine Vergangenheit als Säugling, als Schulkind, als Heranwachsender und als Erwachsener ist er dann zu jenem geworden, der jetzt das Photo von früher betrachtet.

Im Sterben geht die Energie neue Wege

Die "bedingte Entstehung" löst ein typisch indisches Problem. Dabei geht es um die Frage, wie Wiedergeburten ohne Atman möglich sein können. Im Sterben, so lehren Buddhisten, hört das Bewusstsein nach und nach damit auf, einen physischen Leib zu beleben. Die frei gewordene Energie sammelt sich und verlässt den Körper, doch nicht irgendwohin, sondern in eine gewisse "Richtung", die auf dem bisherigen Lebensweg vorgeprägt wurde. Sie wird also gelenkt von heilsamen oder von unheilsamen Geistformationen. Entweder ist man dann für immer von Wiedergeburten befreit, oder man bleibt am Leben haften und beginnt mit einer weiteren Empfängnis eine neue Existenz. Um so wiedergeboren zu werden, ist mithin eine ewige, unwandelbare Seele, die von einer Existenz zur nächsten wanderte, gar nicht notwendig.

Wie kommt es zu einer menschlichen Tat?

Selbstbeobachtung ließ den Buddha entdecken, wie menschliches Tun zustande kommt, d.h. wodurch bedingt es entsteht. Diese Einsicht ist von großer praktischer Bedeutung, denn sie legt eine Schaltstelle frei, an der man den Fluss des Seienden von Unheilsamem weg, zu Heilsamem lenken kann. Ständig entstehen ja neue Situationen. Die Außenwelt spielt dabei ihre bedeutsame Rolle ebenso wie die Innenwelt des Menschen oder beide zusammen. Die Wahrnehmung solcher Impulse führt zum Kontakt mit ihnen. Ein solcher Kontakt weckt dann ein Gefühl, ein ablehnendes, begehrendes oder auch neutrales. Jedes Gefühl wiederum bedingt eine zustimmende oder eine ablehnende Haltung gegenüber der jeweiligen Situation. Die eine wie die andere Haltung führt zum Verhaftet sein. Was aber die Gedanken nicht mehr loslassen, das führt zur Tat. Man will bekommen, was angenehm erscheint, man will vermeiden, was unangenehm ist. Buddhisten erleben solche Abläufe bewusst. Besonders achten sie auf jene Zeitpunkte, in denen ein Gefühl auf die Wahrnehmung einer neuen Situation zu antworten beginnt. An solchen Übergängen lässt sich die Kette der automatisch ablaufenden Bedingungen unterbrechen, man kann dort sozusagen aus der verderblichen Richtung des Fließens aussteigen und den Fortgang einer unheilsamen Tat noch unterbrechen.

Wo findet das Leben nach dem Tod statt?

In allen Religionen kennt man ein Leben nach dem Sterben. Der Mensch legt dabei seine irdische Daseinsform ab und wechselt in eine andere über. Wo man an den Fluch ständiger Wiedergeburt glaubt, dort bringt erst ein endgültiger, letzter Übergang in eine tod- und geburtlose Existenz die Erlösung. Wie lebt man im Jenseits? Zwei widersprüchliche Vorstellungen zeigt uns dazu die Religionsgeschichte. Die einen hoffen auf ein Leben in Herrlichkeit. Man stellt sich also paradiesische Zustände vor, in denen jeder noch viel angenehmer leben kann als der reichste Nabob auf Erden (ohne aber von dessen Ängsten und Sorgen geplagt zu werden). Andere stellen sich aber eine dämmerige Schattenwelt vor, in der das Leben nicht viel anders verläuft als auf der sonnenbeschienenen Erde. Demnach ist diese Unterwelt kein Ort der Strafe, keine Hölle, da man dort von lauter guten Verwandten umgeben sein wird. Man lebt fort bei den Urvätern und Urmüttern, deren Liebe jeden Nachkommen warm hält.

Wie kommt es zur Erlösung?

Auch Buddhisten kennen recht schöne Paradiese. Sie hoffen dann, als Lichtwesen in einem der Himmel wiedergeboren zu werden: Dort dürfen sie sehr, sehr lange verweilen. Doch der Tag kommt, an dem heilsames Tun aus früheren Leben aufgebraucht sein wird und man einer neuen Geburt entgegensehen muss. Die paradiesischen Himmel der Buddhisten beherbergen also noch keine wirklich Erlösten. Die endgültige Erlösung, der keine Wiedergeburt mehr folgen wird, sie heißt NIRVANA. Doch wer oder was ist ein Erlöster? Nach der Lehre des Gautama wird der Mensch nicht erlöst, er muss sich selbst erlösen. Da man nur sich selbst und niemand anderen erlösen kann, kennen Buddhisten keinen Erlöser. Einen Erlösten nennen sie den "So-gegangenen". Damit meinen sie jemanden, der den Weg vollendet hat, der ans Ziel gelangt ist. Das Ziel wird erreicht, sobald ANATMAN verwirklicht wird, wenn ein Mensch sich an nichts mehr klammert.

Wie kann man Nirvana begreifen?

Zeitgenossen wollten dieses genauer wissen. Sie bohrten bei Shakyamuni nach, wie denn ein Vollendeter im NIRVANA sei - was im Lichte von "alles fließt" schon als falsch gestellte Frage anzusehen wäre. Meist beantwortete der Buddha falsche Fragen mit Schweigen. Diesmal fand er Worte. Man fragte ihn also, wo denn ein Freigewordener wiedererscheine. Er antwortete, man könne nicht sagen, dass er wiedererscheine. Also erscheint er nicht wieder? Auch das kann man nicht sagen. Dann erscheint er wieder und erscheint auch nicht wieder? Auch so kann man nicht sagen. Dann stimmt weder, dass er wiedererscheint noch dass er nicht wiedererscheint? Auch das kann man nicht sagen. Dieses kategorische "So nicht!" des Buddha, was bedeutet es? Es bedeutet: Niemand kann NIRVANA begreifen, es sei denn, man hat es erlangt.

Die Beschreibung des Nirvana

Die Lehre des Gautama Buddha wurde später systematisiert im Abhidharma, was soviel heißt wie "höhere Lehre". Dort wird NIRVANA als Zustand beschrieben, an dem nichts Materielles mehr haftet. Darum vermag allein der Geist NIRVANA zu gewahren, der Geist, aber nicht die Sinne, denn sie basieren auf materieller Leiblichkeit, mit ihnen erfassen wir die materielle Welt. Der Geist aber erfährt NIRVANA als einen Zustand dauernden Glücks ohne die geringste Spur von Leid. Im NIRVANA vergeht nichts und stirbt nichts. Das Wort "Geist" (Pali: Citta) wird im Abhidharma synonym mit dem Wort "Bewusstsein" (Pali: Vinnana) gebraucht. "Geist" bezeichnet also nur einen Bewusstseinszustand. Der Mensch setzt sich aus fünf Aggregaten zusammen, von denen keines das Sterben überlebt. Im Tode verlässt auch das sogenannte Sterbebewusstsein den abgestorbenen Leib. Dieses letzte Bewusstsein verschmilzt mit einem neuen mütterlichen und einem neuen väterlichen Keim zu neuer Existenz. Davon lässt es sich nicht mehr ablösen. Den Eingang ins NIRVANA wird man sich ähnlich vorstellen müssen, allerdings vollzieht er sich rein geistig, ohne materielle Beteiligung.

Die Formung des Bewusstseins

Systematisch besagt Abhidharma folgendes: Die Welt setzt sich zusammen aus wechselnden Kombinationen von insgesamt 84 Faktoren. Von ihnen sind 28 materieller, die Mehrzahl, nämlich 56, sind geistiger Art. Unter den geistigen gibt es wiederum 54 "Geistfaktoren" (Pali: Cetasika). So heißen sie, weil sie das Bewusstsein qualifizieren. Wenn sie kommen und gehen, verbinden sie sich mit dem Bewusstsein, färben es gleichsam für die Dauer ihres Erscheinens. Man unterscheidet unheilsame, heilsame und neutrale Geistfaktoren. Ein verblendetes Bewusstsein lässt sich mit der Zeit durch ein erkennendes ersetzen, ein gieriges durch ein genügsames, ein gehässiges durch ein liebendes. Mit Verblendung, Gier und Hass schwindet auch jeder andere Unheilsfaktor dahin, da er von Nichtwissen bedingt war. Die Umkehrung des Nichtwissens in das Erkennen wird somit zum Schlüssel der Erlösung. Das NIRVANA erfährt mithin ein gereinigter Geist, d.h. unverblendetes Bewusstsein. Ziehen wir die 52 "Geistfaktoren" von den insgesamt 54 nichtmateriellen Faktoren ab, dann bleiben zwei übrig, ein weltlicher und ein überweltlicher. Der weltliche Faktor ist der eben schon genannte "Geist" (Citta). Er ist ohne eigenständige Substanz und dient nur als Kollektivname für die 52 verschiedenen Bewusstseinsarten. Der überweltliche Faktor aber heißt NIRVANA. Im Abhidharma lehrt man NIRVANA als Bewusstseinszustand.

Wunsch nach einer Ordnung der Lehren

Buddha Gautama hatte Fragenden geantwortet seine Lehrreden (Sutren) behandeln folglich bloß einzelne Probleme. Man wünschte sich später eine zusammenhängende, systematisch geordnete Lehre. Im Abhidharma wurde ein solches Systemgebäude errichtet. Beides, die Sutren des Gautama und deren Systematisierung bilden die erklärende Überlieferung des sogenannten südlichen oder Pali-Buddhismus, der in Südostasien und Sri Lanka seine Heimat hat und der sich selbst "Theravada" nennt, Lehre der Thera, der Alten oder Ältesten.

Indessen, nichts bleibt so, wie es ist, auch keine Religion und keine Lehre. Zwar hat der neue Buddhismus des Mahayana, des "Großen Fahrzeugs", die Sutren Shakyamunis nicht angetastet. Man hat sie einfach aus dem Pali ins Sanskrit, ins Chinesische, Japanische und Tibetische übersetzt. Dort werden sie als die frühe Lehre geachtet und bis heute auch gelehrt. Doch die Entwicklung der Lehre hat die älteren Sutren des Theravada schließlich überholt.

Es erfolgte ein Paradigmenwechsel

Was ist geschehen? Die Lehren des Buddha Gautama gehen von Fakten aus, die ein jeder zu erkennen, deren Schlussfolgerungen jeder zu überprüfen vermag. An die Stelle nüchterner Daseinsanalyse trat nun auch Offenbarung, wie sie uns in vielen anderen Religionen begegnet. In der Wissenschaftsgeschichte spricht man von "Perspektiven-" und von "Paradigmenwechsel". In der Religionsgeschichte findet dieser Wechsel fast immer in

umgekehrter Reihenfolge statt: Das, was jeder feststellen kann, macht nach und nach offenbarte Lehren vom Unsichtbaren überflüssig. Mit dem obigen genannten Wechsel im Buddhismus hängt noch ein weiterer zusammen. An die Stelle des rein menschliche Buddha- und Bodhisattvagestalten. Letztere sind Wesen (Sattva), die das Erwachen (die Bodhi) schon in sich tragen, die sich aber noch davor "zurückhalten", Buddha zu werden, weil sie zuvor Unerlösten zur Erlösung verhelfen wollen.

Von "Alles fließt" zu "Alles wird leer"

Noch ein dritter Wechsel wird sichtbar. Zuerst gibt es den Wechsel vom "Alles fließt" zum "Alles ist leer". Das Bild vom Fließen kennen und nennen neben dem Griechen Heraklit auch Shakyamuni und die Buddhisten nach ihm. Fließen erlaubt kein Verweilen; wer fließt, sucht gar keinen Grund, auf den er sich stellen könnte. Der neue Buddhismus wechselt von der Ebene des Geschehens hinüber zur Ebene des Stehens, zum Sein. Freilich bleiben auch die neuen Buddhisten Buddhisten. Dem unaufhörlichen Fließen entspricht für sie im Bereich des Seins nichts mehr, an dem man sich festhielte, gar nichts, auf dem man zum Stehen käme. Jene Standpunktlosigkeit nennen sie SHUNYATA, "Leerheit". Dieses Wort selbst ist nicht neu. "Alles ist leer" (shunya), so hört man es bereits aus dem Munde des Gautama Buddha, wenn er mit ANATMAN die Existenz eines Dauerhaften leugnet, das dem Wandel nicht anheim fiele. Neu ist, dass SHUNYATA von nun ab (d.h. seit etwa der Zeitenwende) die Lehrüberlieferung außerhalb von Südostasien und Sri Lanka beherrschen wird.

Die neuen Sutren

Die Überlieferung der Lehre des Gautama Buddha besteht aus seinen Lehrreden und aus deren Systematisierung. In der neuen Lehrüberlieferung ist es nicht anders. Es gibt die Sutren, und es gibt Systematiker. Die Sutren entstanden in Indien im Zeitraum von 100 vor bis 600 nach Christus. Fast vierzig Texte sind erhalten. Gautama wollte die natürliche Verblendung des menschlichen Geistes durch Einsicht ersetzen, die jeder selber gewinnen muss. Die neuen Sutren lehren transzendentes Wissen, "Weisheit, die hinüber gelangt ist", (Prajna-param-ita).

Im Mahayana schätzt man ganz besonders das "Herz-Sutra". In ihm wird dargelegt, wie der Bodhisattva Avalokiteshvara, in transzendenter Weisheit weilend, von hoch oben herabschaut: Was er erblickt, das sind jene fünf Aggregate, aus denen der Mensch besteht. Er sieht, dass sie leer sind. Sariputra, der von allen Jüngern des Gautama Buddha als der weiseste galt, lehrt nun: Der Körper, so offenbart dieser Bodhisattva, ist SHUNYATA, und Leerheit ist der Körper, es ist dasselbe. Ebenso die Wahrnehmung, die Gefühle, die Geistformationen und das Bewusstsein. Jedes Ding (Dharma), so lehrt der Bodhisattva, ist Leerheit. Es wird mithin weder verursacht noch zum Enden gebracht, es ist nicht verunreinigt oder makellos, nicht mangelhaft oder vollkommen.

Alte und neue Lehren teilen sich

Hier gehen die alte und die neue Lehre offensichtlich etwas andere Wege. Gautama lehrte die bedingte Entstehung. Er lehrte, dass es unheilsame und heilsame Geistformationen gebe, dass man mangelhafte durch vollkommene ersetzen könne und solle. Doch der Bodhisattva hebt im Lichte transzendenter Weisheit überhaupt alles auf, er reißt alles weg, auch das wenige, das von Gautama und seinen Systematikern noch als im Fließen vorhanden übrig blieb. Die Leerheit, so heißt es, löscht alles aus, was die Dinge unterscheidet. Weil sie leer sind , gibt es weder Gestalt noch Gefühl, weder Wahrnehmung noch Bewusstsein, auch nicht die Sinneseindrücke von Auge, Ohr, Nase, Zunge, Haut und Geist. Es gibt kein Nichtwissen und kein Ende des Nichtwissens. Es gibt weder Verfall noch Tod. Es gibt kein Leiden, kein Entstehen und Vergehen, keinen Weg. Es gibt weder Erlangen noch Nicht-Erlangen, also auch kein Erwachen, kein Buddha-Werden, keine Erlösung.

Alle Dinge sind leer

Zwischen den Dingen, so lehrt der Bodhisattva, gibt es keinen wesenhaften Unterschied, alle sind sie leer. Zugleich ist Leerheit das, was alle eint, weil es allem und jedem wesentlich zukommt. Damit ist die neue Lehre zu jenem Punkt zurückgekehrt, von dem Shakyamuni einst ausgegangen war. Er hatte dem Glauben widersprochen, Gott sei als Grund alles Seienden in allem Seienden zu finden, alles Wandelbare besitze einen unwandelbaren Kern. Dem hatte der Buddha ANATMAN entgegengesetzt. Jetzt waren seine Nachfolger wieder bei einem Grund alles Seienden angelangt. Als Erben des Gautama lassen sie jedoch nicht ab von der ANATMAN-Lehre. Mithin deuten sie den gemeinsamen Grund weder göttlich, noch füllen sie ihn sonst wie positiv, sondern negativ als Leerheit, die indessen wie Gott unwandelbar, allgegenwärtig und ewig sein soll.

Der Gelehrte Nagarjuna: Denken behindert Erkenntnis

Nagarjuna lebte im 2. Jh. n. Chr. in Südindien. Er baute auf Lehren des Gautama Buddha au£ Beide unterscheiden zwei Ebenen der Erkenntnis: diejenige der Alltagskonventionen und diejenige der Eigentlichkeit. Beide sehen nur Werden und kein Sein. Beide lehren den Wandel auch beim Erkennen. Man kann nur wissen, was dem Stand des eigenen gegenwärtigen Werdens erreichbar ist. Der berühmte Gelehrte demonstriert, wie Denken die Erkenntnis der letzten Wirklichkeit behindert. Denken wird gefärbt vom Begehren der Denkenden. Ihr Begehren führt sie dazu, die Dinge zu unterscheiden. Weil sie dieses mögen, jenes aber nicht, machen sie Unterschiede. In der Alltagswelt kommt man nicht umhin zu unterscheiden: "Das ist ein Stuhl und kein Tisch" ; "Ich bin hier und du bist dort".

Unterscheidungen zu treffen führt nicht zur Erkenntnis des Eigentlichen

Zur Erkenntnis des Eigentlichen aber führt das Unterscheiden nicht. Warum nicht? Weil alles rückbezogen ist, weil nichts und niemand ohne Verhältnis zu anderem sein kann. Den Macher gibt es nicht ohne das Gemachte und das Gemachte nicht ohne den Macher. Die Mutter gibt es nicht ohne ihr Kind und dieses nicht ohne seine Mutter. Feuer existiert nicht im Brennstoff, aber auch nicht ohne Brennstoff. Brennstoff existiert nicht im Feuer, aber auch nicht ohne Relation zum Feuer. Was mit anderem zusammenhängt, was relativ ist, kann kein absolutes Sein besitzen, kann nicht aus sich selbst existieren. Beim Unterscheiden kann man die Relation zwischen zwei Dingen übersehen und von ihnen reden, als wären beide absolut. Man sagt zum Beispiel, Licht sei das Gegenteil der Finsternis. Dabei gibt es das eine nicht ohne das andere, denn ohne Dunkelheit wüssten wir nicht, was Licht ist und umgekehrt. Unterscheiden, so lehrt Nagarjuna, verleitet dazu, scheinbar Dauerhaftes zu entdecken. Etwas, das er für beständig hält, verleitet den Menschen, daran anzuhaften. Buddha lehrt, nicht anzuhaften. Begreift der Mensch, dass es nichts Dauerhaftes gibt, dann begreift er auch die Sinnlosigkeit allen Anhaftens. SHUNYATA beseitigt alle Probleme. Doch nicht, weil sie irgendwie gelöst würden, sondern weil die Probleme keine mehr sind. Man lebt zwar im Alltag und unterscheidet darum alle möglichen Dinge; doch man vergisst, dass alle leer sind. Aus solcher Weisheit wächst das Glück geistiger Freiheit. Der Mensch wird befreit aus einem Netz, das er selber knüpft.

"Alles ist leer" gilt auch für das Nirvana

Auch vor dem NIRVANA macht Nagarjunas Analyse nicht halt. Buddha Gautama sieht im NIRVANA den Gegensatz zur Wandelwelt. Er spricht vom Ungeborenen, Todlosen, Unwandelbaren. Im Abhidharma aber lehrt man NIRVANA als Bewusstseinszustand , in dem das Ich mit seinen Begierden und Abneigungen überhaupt nicht mehr existiert: Nagarjuna lehrt "alles ist leer", einschließlich des NIRVANA. Da auch die Wandelwelt leer ist, sind beide gleich, das Heil und das Unheil. Sie sind gleich leer, doch sie sind nicht dasselbe!

Auf der Alltagsebene, so lehrt Nagarjuna, ist die Rede von der Erlösung und vom Heilsziel nützlich, denn sie lenkt den Geist von Unwissen und Gier fort. Doch da lauert auch eine Gefahr, die Möglichkeit nämlich, NIRVANA für ein Objekt zu halten, für etwas, das der Mensch ergreifen, an dem er anhaften könnte. Indessen, es gibt nur Werden, Sein gibt es nicht! Das zu wissen verleiht Macht, aber nicht zum Tun, sondern zum Nicht-Tun. So gesehen, erscheint NIRVANA als das Nicht-Nachtanken von Brennstoff für die Flammen von Gier und Hass.

Existiert Nirvana?

Wie vor ihm der Buddha so wurde auch Nagarjuna mit den vier Seins-Fragen der Logik seiner Zeit konfrontiert. Existiert NIRVANA? Existiert es nicht? Ist es existent und zugleich nicht-existent? Ist es weder existent noch nicht existent? Wie vor ihm der Buddha verneint auch er alle vier Fragen. Mehr noch, am Begriff der Existenz demonstriert Nagarjuna das Versagen des Denkens als Versuch, das Undenkbare zu erfassen. "Existenz" ist ein Denkprodukt. Als solches lebt es von der Unterscheidung. Was von anderem abhängig existiert, das altert und stirbt. Würde NIRVANA existieren, so müsste es altern und vergehen. Wäre NIRVANA unabhängig, ein Absolutes (Svabhava), dann würde es weder altern noch sterben. Dann gehörte es aber einer ganz anderen Art von Seiendem an. Dann wäre es nicht mehr verwandt mit fließender Existenz und allen unerreichbar, die fließend leben. Daraus schließt Nagarjuna, dass der Begriff der Existenz zur Erkenntnis der wirklichen Wirklichkeit nicht taugt.

Deutung der Shunyata

NIRVANA ist kein greifbares, kein begreifbares Seiendes, NIRVANA ist leer.

Zu welchem Ergebnis sind wir gelangt? Wie sollen wir SHUNYATA fassen, die "Leerheit" der Prajnaparamita-Sutren und des Nagarjuna? Die Frage nach dem Gegenteil lässt sich leichter beantworten. Sie lautet: Wie dürfen wir SHUNYATA nicht deuten? Jene Art "Leerheit" hat weder die "Vollheit" zum Gegenteil noch irgendetwas anderes. Daher ist es falsch, sie dem Nichts und dem Nihilismus gleichzusetzen. SHUNYATA bezeichnet auch nicht das tatsächliche Fehlen, das Nichtvorhandensein von etwas, wie z.B. des Wassers in der Wüste. Ebenso wenig die bloße Möglichkeit des Nichtvorhandenseins von etwas, wie wenn man über die Bestandteile eines zur Zeit noch unerreichbar fernen Himmelskörpers spekuliert. Diese "Leerheit" darf man auch nicht buddhistisch oder psychologisch auf das Bewusstsein beziehen und als dessen Ausfall deuten, als zeitweilige oder immerwährende Bewusstlosigkeit. Vor allem ist SHUNYATA keine Chiffre für eine unerforschliche absolute Wesenheit. Vielmehr will Nagarjuna mit diesem Namen jene Position markieren, die zwischen Sein und Nichtsein liegt. Auf einem solchen Punkt findet das Denken keinen Halt mehr, dort muss

es aussetzen. Wegen dieser Zwischenposition nennt man die Schule des Nagarjuna den "Mittelweg" (Madhyamika).

Die Schwierigkeit Anatman, Nirvana und Shunyata zu begreifen

Die Aufgabe war zu erhellen, was sich hinter den drei Bezeichnungen ANATMAN, NIRVANA und SHUNYATA verbirgt. Wer fern von Buddhisten aufwuchs, dürfte die drei fremden Vorstellungen nicht auf Anhieb begreifen. Selbst für den Buddhisten werden sie erst auf einer hohen, wenn nicht gar erst auf der allerhöchsten Stufe des Buddhaweges vollkommen durchschaubar. Namen, Bezeichnungen, Begriffe, sie gehören zum Wissen, zur Lehre einer Religion. Was hier ausführlich nicht mehr zur Sprache kommen konnte, ist zum einen die Frage nach der Wurzel dieser Vorstellungen und zum anderen ihre Frucht. Gewachsen sind sie aus buddhistischer Versenkung, in der sich auf einer anderen Ebene als auf der des Alltags und auf der des reflektierenden Denkens Wesentliches zu erkennen gibt. Bewirken sollen sie ein überwältigendes Glücksgefühl. Gespeist wird solch ein Glück von Gleichmut, der aus Ichlosigkeit entsteht, d.h. vom Nichtmehranhaften, sei es an Weltliches, sei es an Überweltliches.

 

Bearbeitet und gekürzt von Ernst Pohn

 

>> Zwei Fragen zum Begreifen der buddhistischen Lehre

>> Gott als Schöpfer oder Gott als gegenwärtig

>> Das indische Verständnis von Gott

>> Ich und mein versus nicht-ich und nicht-mein

>> Das Ich verliert an Bedeutung

>> Das Ich will Sicherheit

>> Der Mensch als Ensemble verschiedener Bestandteile

>> Das Element des Bewusstseins

>> Wer steuert unseren Kurs?

>>Buddha lehrt das Gesetz der bedingten Entstehung

>> Buddha widerspricht einer Schöpfung aus dem Nichts

>> Die "bedingte Entstehung"

>> Im Sterben geht die Energie neue Wege

>> Wie kommt es zu einer menschlichen Tat?

>> Wo findet das Leben nach dem Tod statt?

>> Wie kommt es zur Erlösung?

>> Wie kann man Nirvana begreifen?

>>Die Beschreibung des Nirvana

>> Die Formung des Bewusstseins

>> Wunsch nach einer Ordnung der Lehren

>> Es erfolgte ein Paradigmenwechsel 

>> Von "Alles fließt" zu "Alles wird leer"

>> Die neuen Sutren

>> Alte und neue Lehren teilen sich

>> Alle Dinge sind leer

>> Der Gelehrte Nagarjuna: Denken behindert Erkenntnis

>> Unterscheidungen zu treffen führt nicht zur Erkenntnis des Eigentlichen

>> "Alles ist leer" gilt auch für das Nirvana

>> Existiert Nirvana?

>> Deutung der Shunyata

>> Die Schwierigkeit Anatman, Nirvana und Shunyata zu begreifen

 
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