Gedanken für den Tag

13. 9. 2011,  6.57 Uhr - 7.00 Uhr
im Programm Österreich 1

 

"Herzensbildung oder Die Kunst, sich im anderen wiederzuerkennen"

 

von Rudolf Egger, Erziehungswissenschaftler und August Schmölzer, Schauspieler

 

 

Musik: Keith Jarrett/Klavier: "Präludium Nr. 4 in cis-moll, BWV 849" aus "Das Wohltemperierte Klavier I" von Johann Sebastian Bach

 

 

 

 

 

Vor genau 50 Jahren, 1961, wurde in den USA das erste Mal das sogenannte Milgram-Experiment durchgeführt, in dem die Bereitschaft von Personen getestet wurde, autoritären Anweisungen auch dann zu folgen, wenn sie in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Dabei zeigte sich, dass auch in einem demokratischen und liberalen Land ca. drei Viertel aller Menschen, Männer und Frauen, Christen und Muslime, AkademikerInnen und ArbeiterInnen bereit sind, anderen Menschen Schmerzen zuzufügen, wenn eine Autorität es ihnen befiehlt. Wenn man die Menschen später dann danach fragt, warum sie das gemacht haben, dann zeigt sich, dass sie nicht damit aufgehört haben, andere mit Stromstößen zu foltern, weil sie halt schon einmal damit angefangen haben. Das zeigt, wie schwer es ist, mit einem Verhalten aufzuhören, von dem man selbst auch nicht mehr überzeugt ist, weil wir uns dann eingestehen müssen, dass wir Unrecht getan haben. Also machen wir einfach weiter, weil das Weitermachen all das rechtfertigt, was wir vorher gemacht haben.

 

Dieses Experiment ist wirklich gnadenlos und es zeigt eine Seite in uns Menschen auf, die ich nicht so akzeptieren kann. Für mich ist die Frage, wie schaffen wir es, dass Menschen bevor sie einem anderen schaden, darüber nachdenken, welche Konsequenzen ihr Handeln oder ihr Unterlassen hat. Es geht hier um ein Ermessen. Wenn ich weiß, wie sich Schmerz, Leid und Sorgen anfühlen, wenn ich vielleicht schon einmal um einen geliebten Menschen gefürchtet habe, dann müsste mich das doch in die Lage versetzen, besser einschätzen zu können, wie es dem auch fremden Anderen im selben Fall geht. Und wenn ich das spüre, dann kann es sein, dass ich mich mit dem Anderen so verbunden fühle, dass ich ihm keinen Schaden mehr zufügen kann. Und das ist Herzensbildung.

 

>>Gustl 58