22. 09. 2011, 6.57 Uhr - 7.00 Uhr
im Programm Österreich 1
"Vom Ende der Unschuld" - Zum 100.
Geburtstag des Schriftstellers William Golding
von Michael Krassnitzer, Publizist
Musik: Stephen Shingles/Solo-Viola und Academy of St. Martin in
the Fields unter der Leitung von Sir Neville Marriner: "Bourree
Classique" aus "Variationen über ein Thema von Frank Bridge, op. 10"
von Benjamin Britten
Über viele
Werke von William Golding ist die Zeit hinweggegangen. Der erste
Roman des Nobelpreisträgers, „Herr der Fliegen“, aber verkauft sich
bis heute in großer Zahl. Warum begeistert diese Anti-Utopie nach
wie vor eine jugendliche Leserschaft?
Ich glaube,
weil aufmerksame Heranwachsende das, was Golding in „Herr der
Fliegen“ beschreibt, tagtäglich selbst beobachten oder erleben: Dass
das Recht des Stärkeren nur allzu oft gilt. Dass Außenseiter und
Intellektuelle gnadenlos gemobbt werden. Dass es Menschen gibt, die
für ihren eigenen Vorteil skrupellos jegliche Regeln brechen. Nicht
nur am Schulhof, auch in den Nachrichten begegnen sie Menschen, die
sich schamlos auf Kosten anderer bereichern und sich über Gesetz und
Moral hinwegsetzen.
Natürlich
sind nicht alle Mitmenschen so. Und es gibt auch Beispiele für ein
gut funktionierendes Zusammenleben – doch das wird mit der
Kompromisslosigkeit des jugendlichen Denkens ausgeblendet. Einem
Heranwachsenden ist vielleicht gerade erst das kindliche Gefühl der
Geborgenheit, der unschuldige Glaube an das Gute abhanden gekommen.
Da kommt man schnell zu dem Fehlschluss, dass das Böse übermächtig
sei.
Dennoch sind, behaupte ich, die wenigsten Leser von „Herr der
Fliegen“ zu Zynikern oder Nihilisten geworden. Im Gegenteil. Meine
Vermutung lautet: Überdurchschnittlich viele, die als Jugendliche
„Herr der Fliegen“ verschlungen haben, wurden später zu engagierten
Erwachsenen, die sich dafür einsetzen, dass die Welt eben nicht so
wird, wie Golding sie gezeichnet hat. Mit einem Augenzwinkern würde
ich das Buch als „Fibel für Weltverbesserer“ bezeichnen.