Gedanken für den Tag

17. 10. 2011,  6.57 Uhr - 7.00 Uhr
im Programm Österreich 1

 

"Faszination Film" - Irrsinn und Glück

 

von Magdalena Miedl, Filmjournalistin

 

 

Musik: "Der Pate", Filmmusik von Nino Rota aus dem gleichnamigen Film von Regisseur Francis Ford Coppola

 

 

 

 

 

Lesen ist Abenteuer im Kopf. Mit diesem Stehsatz bin ich groß geworden. Trotzdem wurde ich Filmjournalistin, eine Arbeit, die selten so intensiv ist wie jetzt, wenige Tage vor Beginn der Viennale.

 

Ich war als Kind schon früh eine schnelle Leserin, und sehr stolz darauf. Als Tochter einer Familie, in der es kein TV-Gerät gab, hatte ich nur selten, bei einer Freundin, Zugang zu Fernsehen. Meine Eltern hielten das für richtig so. Dadurch blieb Fernsehen eine reizvolle, verbotene Frucht. Aber mich reizten die Bücherstapel, die ich aus der Bibliothek heimtrug, mindestens genau so sehr. Ins Kino gehen, das war eine so seltene Angelegenheit, dass ich kaum von selbst auf die Idee kam. Die wenigen Male als Teenager waren Ereignisse, die mich zwar sehr beeindruckten. Aber dann kehrte ich wieder zu den Büchern zurück, da fühlte ich mich sicher. Denn Literatur, das war schließlich Hochkultur.

 

Als ich als junge Journalistin plötzlich von Berufs wegen ins Kino musste, konnte ich es kaum fassen. Das hier war doch Kuchen, und nicht hartes tägliches Brot! Film, das war Flucht vor dem Alltag, wie konnte das Arbeit sein? Für mich tat sich eine Welt auf, die mich gar nicht mehr loslassen wollte. Es gab nur mehr Kino, mehrmals die Woche, pure Schaulust, nein: Schau-Gier - als müsste ich all das nachholen, was ich in meiner Kindheit verpasst hatte.

 

Während meines Studiums bin ich auf den berühmten Aufsatz „Stil und Medium im Film“ des Kunsthistorikers Erwin Panofsky gestoßen. Darin vergleicht Panofsky das Filmemachen mit dem Bau einer mittelalterlichen Kathedrale: Hier wie dort sind jeweils viele Menschen unterschiedlichster Berufe damit befasst, in gemeinsamer Anstrengung ein Kunstwerk herzustellen. Er schreibt: „Die Rolle des Produzenten entspricht der des Erzbischofs, die des Regisseurs jener des leitenden Baumeisters, die der Drehbuchautoren jener des scholastischen Beraters, der das ikonografische Programm aufstellt. (…) Und jeder von denen, die zum ganzen beitragen, wird einem bona fide sagen, dass gerade seine Tätigkeit die wichtigste sei – was ja insofern wahr ist, als sie unentbehrlich ist.“ Erst nach Lektüre dieses Textes habe ich mir erlaubt, Film nicht nur als Unterhaltung zu sehen. Es ist doch seltsam, dass ich die Rechtfertigung einer auch für meine Eltern glaubwürdigen Instanz brauchte, um meinen Beruf selbst ernstnehmen zu können.