29. 10. 2011, 6.57 Uhr - 7.00 Uhr
im Programm Österreich 1
"Sein und Schein" - Vom Leben mit der
Kunst
von Martin Haselböck, Dirigent, Organist und Komponist
Musik: Edoardo Catemario/Gitarre und Orchester Wiener Akademie
unter der Leitung von Martin Haselböck: "Allegro moderato" aus
"Concerto for Guitar 'terzina' and Orchestra No. 3 in F major op.
70" von Mauro Giuliani
Vergangene Woche kam ich mit meinem Orchester von einer mehrwöchigen
Reise in Übersee zurück. Mehrfach wechselten wir für unsere Konzerte
zwischen den USA, Kanada und Mexiko über verschiedenartige
Landesgrenzen.
Immer wieder wirken diese Abgrenzungen auf uns in unterschiedlicher
Weise. Einerseits sind sie Barrieren, sie dienen der Ausgrenzung und
sollen abschreckend den Eintritt in abgeschottete Landschaften
verhindern. Als ritueller Ablauf erscheinen so die Kontrollen beim
Eintritt in das Geburtsland der Aufklärung, die USA. Entspannung und
Befriedigung stellen sich nach dem Überschreiten dieser Barriere
ein.
Grenzen sind andererseits stets wandelbar und rufen zur steten
Veränderung auf. Leben nicht schon fast mehr Lateinamerikaner in
Kalifornien als Angelsachsen? Ist die funktionierende Symbiose
mehrerer Sprachgruppen nicht Beweis für die inspirierenden
Ergebnisse des Miteinanders und der Kraft der Integration?
Grenzen erzeugen Spannung, Konzentration und Kraft. Sie sind jedoch
nie endgültig. Sie sind im steten Wandel begriffen, sie rufen zur
Überschreitung, zur Veränderung auf und sind so Ausdruck unserer
sich stets ändernden Welt.
Ich bin überzeugt davon, dass wir Grenzen respektieren, sie uns
selbst setzen müssen. Doch fordern sie auch auf, über sie hinaus zu
sehen, sie zu überwinden und so an ihrer Auflösung mit zu wirken.