23. 02. 2012, 6.57 Uhr - 7.00 Uhr
im Programm Österreich 1
"Von Narren und Weisen"
von Luise Müller, evangelische Superintendentin
Musik: Yann Tiersen: L'autre Valse d'Amelie. Musik aus dem Film
"Die fabelhafte Welt der Amelie"
Der Fasching, die Zeit der
Verkleidungen und Masken ist vorbei. Heißt das, dass uns jetzt in
dieser Zeit der Reduktion und Zurücknahme der unverkleidete Mensch
begegnet, die Person an sich, oder ist das Leben vielleicht eine
einzige Maskerade?
Schwarze Schuhe, schwarze
Hose, einfarbiges T-Shirt und drüber ein anders einfarbiger Blazer –
das ist nicht nur Angela Merkel, das bin auch ich. So bekleidet
fühle ich mich wohl, wenn ich in offizieller Mission unterwegs bin.
Das macht mich einerseits unauffällig und andererseits auch seriös.
In der evangelischen Kirche Österreichs gibt es Empfehlungen, was
unter dem Talar zu tragen ist: schwarze Schuhe und schwarze Hosen
sind am geeignetsten. Es gibt den Priesterkragen und das
Ansteckkreuz. Männliche Bankangestellte haben die Verpflichtung zu
Anzug und Krawatte. Da sind die Nonkonformisten mit ihren
ungebügelten, ausgeleierten T-Shirts und ihren Schlabberhosen und
manche „Vollblutfrauen“ mit ihren zeltartigen Überwürfen. Die
ballonseidenen Trainingsanzüge, die rosafarbenen Poloshirts mit
aufgestelltem Kragen, die Kopftücher, die Kittelschürzen, die
Botoxgesichter, die Implantatsbusen. Sofort tauchen Bilder auf vor
den inneren Augen, man assoziiert gesellschaftliche Gruppen und
merkt, dass Verkleidungen nicht nur in den Fasching gehören.
Am deutlichsten nehme ich
solche Kennzeichen an anderen wahr. Ich schaue hin, ich ordne zu
und qualifiziere ab, manchmal nachdem ich nur einen ersten Blick auf
jemand geworfen habe. Was wundert es da, dass sich Menschen von
Äußerlichkeiten das Heil erwarten? Von 5 Kilo weniger das Paradies,
von 10 cm mehr Oberweite den Mann fürs Leben, von Haareinwebungen
die ewige Jugend. Magazine und Fernsehsendungen suggerieren Erfolg
und Lebensfreude, wenn der Friseur gewechselt und neue Schuhe
gekauft werden. Wie korrelieren Selbstwertgefühl und Aussehen? Ist
man jemand anderer, wenn man den Blazer gegen die Kittelschürze
tauscht, den Maßanzug gegen die Ballonseide – oder umgekehrt?
Was macht mich als Person
aus? Welchen Platz finde ich im Leben? Ich setze nicht nur mit dem
was ich sage und tue sondern auch damit, wie ich aussehe und
auftrete ein Signal. Beides verstärkt meine Persönlichkeit. Aber
manchmal wollen Kleider und Äußerlichkeiten auch nur täuschen. Es
lohnt daher auf alle Fälle auch der zweite Blick auf einen Menschen.